
Balkan steht für Blaskapellen
Die Blaskapellen vom Balkan stehen in den Augen vieler Menschen stellvertretend für die Musik aus den Ländern dieser bewegten Region. Doch auch wenn die Musik vom Balkan oft für Energie und ausgelassene Lebensfreude steht und zuweilen sogar eine gewisse Aggressivität ausstrahlt, verfügt sie über echte harmonische Raffinesse. Denn Balkanmusik ist nicht zwangsläufig Blasmusik, sondern steht für Musikgruppen unterschiedlichster Zusammensetzung – oft mit Geige, Hackbrett und Akkordeon – sowie für bezaubernde Melodien, wie bei diesem klassischen Roma-Lied, vorgetragen von der großen Esma Redžepova bzw. in einer Version von Cigani Ivanovi?i.
Im Westen hat sich allerdings das Klischee von der Balkan-Blasmusik durchgesetzt. Als Goran Bregovi?, Medienliebling und populärster Vertreter dieser Musikrichtung, Ende der 1980er Jahre als junger, serbischer Rockstar mit der Filmmusik zum dritten Film Kusturicas, Zeit der Zigeuner, beauftragt wurde, griff er zur Einspielung seiner Kompositionen spontan auf ein traditionsreiches Orchester mazedonischer Roma, das Ko?ani Orkestar, zurück. Diese ursprünglich aus der Stadt Ko?ani stammende Formation besteht fast ausschließlich aus Bläsern (vor allem Blechbläser) und Rhythmusinstrumenten und ist damit prototypisch für die so genannte „Bek Music“. Ohne an dieser Stelle in die theoretischen Details einsteigen zu wollen, die einen gesonderten Artikel erfordern würden, lässt sich Bek als Kombination aus zwei Grundelementen beschreiben: zum einen asymmetrische rhythmische Zellen und zum anderen mehrstimmige Melodien in Moll-Tonarten, die sich zu einem berauschenden Klangerlebnis verbinden.
Mittlerweile sind die so genannten Balkan-Blaskapellen fast zu einer Art kulturellem Aushängeschild der Region geworden. Dabei liefert nicht nur das Ko?ani Orkestar den typischen Bläsersound, in Underground spielt das Orchester des Trompeters Boban Markovi? das legendäre „Kalašnjikov“ zu Beginn und Ende des Films, während Fanfare Cioc?rlia in Head On von Fatih Akin zu hören sind und in Borat „Born To Be Wild" interpretieren. Kaum eine Musik ist besser dazu geeignet, den Tänzer in uns aus seiner Lethargie zu reißen, weshalb sich der Balkan-Sound einer stetig wachsenden Fangemeinde erfreut, und das sogar über die Grenzen Europas hinaus.
Bedingt durch den zunehmenden Erfolg ihrer Musik –vor allem, seit sich ihnen die internationalen Konzertsäle öffnen – erweitern viele Balkan-Blaskapellen ihr Repertoire. Das Ko?ani Orkestar in seiner ursprünglichen Besetzung hat diese musikalische Öffnung allerdings nicht überlebt. Nach dem Erfolg von L’Orient est rouge, erschienen bei dem belgischen Label Crammed (wo auch die Roma-Musiker von Taraf de Haïdouks unter Vertrag stehen), beschloss der Enkel des Kapellengründers, Naat Veliov, das Instrumentarium des Ensembles um Rhythmusmaschinen und Sequenzer zu erweitern. Angesichts des Widerstands eines Teils der Gruppe splittete die Formation, um als King Naat Veliov and the Original Ko?ani Orkestar (deren Album Sunet Oro aus dem 1997 wir wärmstens empfehlen) bzw. Ko?ani Orkestar fortan auf dem Marsch zur Eroberung des internationalen Marktes getrennte Wege zu beschreiten. So versuchen sich Naat Veliov und sein neues Ensemble in dem 1999 erschienenen Album Gypsy Mambo an Standards der westlichen und arabischen Musik. Besonders hervorzuheben ist darauf die Neueinspielung von „Alabina“ oder auch des Chaâbi-Klassikers „Ya rayah“ von Dahmane El Harrachi, den Rachid Taha 1993 mit seiner Version unsterblich gemacht hat. Die jüngste Veröffentlichung des Ko?ani Orkestar, The Ravished Bride, ist dagegen eine Hommage an ein Instrument, das man in dieser Art von Formation sonst vergeblich sucht: die E-Gitarre.
Balkan-Klänge erobern die Welt
Der musikalische Austausch mit dem Balkan vollzieht sich jedoch keineswegs nur in eine Richtung. In Westeuropa begann der Balkan-Boom Anfang der 1990er Jahre. Schon einige Jahre zuvor ließ der deutsche DJ und Musiker Shantel seine Sets mit Stücken von Balkan-Blaskapellen ausklingen. Der Kniff schlug ein wie eine Bombe, und der Sohn rumänischer Flüchtlinge aus der Bukowina beschloss, sich verstärkt dieser Musik zu widmen. Es folgten mehrere recht erfolgreiche Alben, unter anderem Radio Partizani. Shantel mischt Klassiker der Balkanmusik neu ab und öffnet den Balkansound für andere Genres wie Reggae oder Ska, so zum Beispiel in seinem Hit „Disko Boy“. Dabei dürfen natürlich die allgegenwärtigen Trompetensätze nicht fehlen – ein Muss für jeden Produzenten, der sich im Balkan-Segment behaupten will. Wenn Sie jetzt der Meinung sind, dass es keine Kunst ist, eine derart fröhliche Musik wie die Balkan-Blasmusik auf Reggae zu trimmen, dann haben Sie natürlich recht... Auf jeden Fall ist das Konzept erfolgreich, und es hat nicht zuletzt dazu beigetragen, die Balkanmusik aus der Folklorecke zu holen, in der sie nach den Filmen Kusturicas mehr oder weniger gelandet war. Und wer auf dem Gu ?a-Trompetenfestival gemeinsam mit Marko, dem Sohn von Meister Markovi?, auftreten darf, hat ohnehin schon die höheren Weihen – Shantel ist mittlerweile als Musiker der Balkan-Diaspora vollständig anerkannt.
Auf der anderen Seite des großen Teichs ist die Balkan-Diaspora musikalisch durchaus nicht weniger aktiv. Im Unterschied zu Europa wird dort jedoch das zutiefst Punkige an den Balkan-Blaskapellen geschätzt und auf die Spitze getrieben. Gogol Bordello, eine Gypsy-Punk-Formation, die von Mano Négra ebenso beeinflusst wird wie von osteuropäischer Roma-Musik, setzt sich aus Einwanderern vom Balkan, aus Südamerika, Israel, Äthiopien und Russland zusammen. Die Gruppe verwendet keine Blechblasinstrumente, sondern setzt auf den Klang von Akkordeon und Geige – zwei weitere, für die Roma auf dem Balkan typische Instrumente. Natürlich unter Beibehaltung der vorgenannten musikalischen Charakteristika. Auf jeden Fall zeichnen sich Gogol Bordello, in der Gestalt ihres charismatischen Frontmanns Eugene Hütz, durch die Fähigkeit aus, jeden Auftritt zu einem Erlebnis zu machen, sogar bei Jools Holland – eine Performance, von der selbst Chuck Norris noch etwas lernen könnte, wenn man den Kommentaren auf YouTube Glauben schenken will. Die Band wurde sogar von Madonna für ein Konzert engagiert und war 2010 auf dem Festival in Arles zu sehen.
Ebenfalls in den USA verschmelzen Balkan Beat Box, eine Formation israelstämmiger New Yorker, darunter auch ein Ex-Mitglied von Gogol Bordello, Einflüsse aus der Balkanmusik – der Name ist Programm – mit der Musik ihrer Ursprungskultur zwischen Mittelmeer und Nahem Osten sowie mit Weltmusikklängen im weitesten Sinne. Nach den ersten beiden Alben, die sich vorwiegend auf osteuropäische Musik konzentrierten und bulgarische Gesänge mit den obligatorischen Balkan-Bläsersätzen und -Beats verbanden, erweitern sie in ihrem dritten Album Blue Eyed Black Boy aus dem Jahr 2010 noch einmal ihr Spektrum möglicher musikalischer Kombinationsmöglichkeiten. Ob in Kombination mit indischen Ragas und Tablas oder auch mit Cumbia: Balkan Beat Box beweisen, dass ein Cross-Over möglich ist, sobald man sich der Existenz der unterschiedlichen kulturellen Strömungen bewusst wird.
Noch ein kleiner Leckerbissen gefällig? Wer sich für so völlig abwegige Kombinationen wie Jungle/Two Step mit Balkan-Bläsern interessiert, sollte sich einmal diesen überraschenden Remix des Songs „Newsflash“ von Diplo anhören, den Metronomy zu einem Sampler anlässlich des 20-jährigen Bestehen der Ninja Turtles beigesteuert haben.
Weiter geht es in Albuquerque: Zach Condon verbindet überhaupt nichts mit dem Balkan, was ihn als treibende Kraft hinter der Gruppe Beirut nicht daran hindert, Inspiration aus der Essenz der „Bek Music“ zu schöpfen. Die Mischung aus Folk und behäbigen Balkan-Bläsersätzen gibt schon in ihrem ersten Album Gulag Orkestar 2006 den Ton an. Bei Erscheinung löste die CD eine Diskussion über ihre Authentizität aus, da Condon zu diesem Zeitpunkt noch keinen Fuß in die Balkanregion gesetzt hatte. Es gibt aus dieser Zeit einen Mitschnitt, der ihn gemeinsam mit seinen Idolen vom Ko?ani Orkestar auf der Bühne zeigt. Vier Alben später und um einige auf Reisen gewonnene musikalische Einflüsse aus Frankreich, Mexiko und Brasilien reicher, sind Beirut viel merklicher als Gogol Bordello oder Balkan Beat Box, die sich letztlich nur der clownesken Klischees der Balkan-Blaskapellen bedienen, zum Vorbild für eine intelligente Verarbeitung der Roma-Musik vom Balkan im Kontext der Folk-Bewegung geworden. Und auch wenn Condon mittlerweile verkündet, nicht mehr länger „der Typ, der immer nur Balkan-Musik macht“ sein zu wollen, so muss man doch feststellen, dass sein neues Album The Rip Tide, das Anfang September erscheinen soll, noch eine ganze Menge davon in sich trägt.
Aber bleiben wir noch ein wenig in New Mexico... Wenn man von Beirut spricht, darf man ihren „Entdecker“ Jeremy Barnes, den ehemaligen Schlagzeuger der legendären Band Neutral Milk Hotel, nicht unerwähnt lassen. Als die Gruppe sich auflöste, tauchte er dort wieder auf, wo man ihn am wenigsten vermutet hätte, nämlich an der Seite von Geigerin Heather Trost. Dort griff er zum Akkordeon und gründete mit ihr gemeinsam A Hawk and a Hacksaw. Das Duo spielt alle Alben im Dreieck zwischen der Tschechischen Republik, Bulgarien und Rumänien ein. Fast wie Musikethnologen arbeiten Trost und Barnes im kontinuierlichen Austausch mit Musikern vom Balkan (so wurde Délivrance gemeinsam mit dem hochtalentierten Hun Hangar Ensemble aus Budapest aufgenommen). Das zeigt auch eine spezielle Spieltechnik, die Trost von den rumänischen Roma übernommen hat, bei der ein an der G-Saite der Geige befestigtes Rosshaar gezogen wird.
Zwischen Identitätsverlust und Klischee
Und was denkt man auf dem Balkan darüber? Wie andernorts auch zeigt man sich dort weitaus weniger begeistert für musikalische Traditionen, die offenbar nur in ausländischen Ohren so ungemein „authentisch“ klingen. So wie Ravi Shankar in Indien weitaus weniger bekannt ist als Popsängerin A.R. Rahman, lasst sich die Balkan-Musik nicht allein auf diese Formationen reduzieren, auch wenn sie in ihren jeweiligen Ursprungsländern ausgesprochen aktiv sind.
Obwohl es deswegen schon seit längerem Streitigkeiten zwischen den einzelnen Balkanstaaten gibt, hat Serbien die Blaskapellen für sich vereinnahmt. Als Instrument nationalistischer Interessen hat die Balkanmusik, wie wir sie heute kennen, mittlerweile monströsen Nachwuchs bekommen: den Turbo Folk. Diese ausgesprochen kitschige Musikrichtung verbindet Eurodance und orientalisch anmutende Melodielinien mit dem Wummern der Helikontuba und ist nicht nur zur Musik der Jugend, sondern auch zum Objekt des Nationalstolzes avanciert. Wie auch die Heirat von Turbo-Folk-Star Svetlana „Ceca“ Ražnatovi? mit Arkan, dem Chef der rechtsextremen serbischen Milizen beweist.
Einige haben allerdings begriffen, dass man auf der Erfolgswelle der Balkanmusik im Ausland mitschwimmen muss. Genannt sei hier vor allem die nicht immer brillante Formation Emir Kusturicas, das No Smoking Orchestra. Goran Bregovi? hingegen hat sehr wohl verstanden, dass er aus der Musik Profit schlagen muss, der er zur Popularität mitverholfen hat, wenn er selbst nicht in Vergessenheit geraten will. Mit seinem Hochzeits- und Beerdigungsorchester reist er seit 2006 quer durch die Welt und hält sich dabei an ein bewährtes Rezept: einige Dutzend „traditionelle“ Musiker, d.h. Blechbläser, Akkordeonisten und Streicher, dazu ein Chor und natürlich sämtliche Lieder, die er einst für Kusturica geschrieben hat. Ach ja, das Wichtigste hätten wir beinahe vergessen: Wussten Sie eigentlich, dass Bregovi? den serbischen Beitrag zum Eurovision Song Contest 2010 geschrieben hat? Soviel zum Klischee.
- Videos zum Thema: Konzert von Beirut im Regen im Amphitheater von Arles
- Foto: BreS'
I'm not religious, but this music is one of the most profound experiences that I have ever had. Bach transcends creed, ideology etc.
I'm not religious, but this performance means so much to me. I feel the deepest emotions on hearing this music.
sorry, aber das geht GAR NICHT, was die da auf der Bühne fûr ne show abziehen ... und was die musik betrifft ist der putput auch echt mal kläglich ...
auf den spuren unserer singenden Mutter
Find die Kritik am Turbofolk ja ziemlich billig.
Es ist ja nicht so das Goran Bregovic und Kusturica nicht Kitsch verkaufen und das vor allem die Texte von Goran extrem kompliziert sind.
Der Turbofolk ist auch kein Produkt der 90er sondern wurde von Bregovic fast erfunden, er war der erste der Volksmusik mit Elementen westlicher Welt vermischte.
Ceca war auch vor ihrer Heirat mit Arkan populär und ein Jungstar gemeinsam mit Dragana Mirkovic.
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