Junge Bühnen in Deutschland

Am 09.06.2011 um 16.11 Uhr, Alexandre Le Quéré
Junge Bühnen in Deutschland

Die großen und kleinen Geschichten der jungen Generation des wiedervereinigten Deutschland handeln von der amerikanischen Militärintervention, von illegaler Einwanderung und dem Chaos des globalen Kapitalismus. Fünfzig Jahre nach dem Tod Bertolt Brechts, dem Meister des engagierten Theaters, bringen deutsche Dramatiker wieder politische und soziale Themen auf die Bühnen des Landes. Die neue deutsche Theaterszene ist dynamisch, vielseitig, zeitaktuell und erfindet sich ständig neu.

Um den Irakkrieg geht es in Falk Richters Stück Sieben Sekunden (In God we trust). Richter beschreibt die amerikanische Militärintervention, als handele es sich um eine Telenovela oder die Demoversion eines Videospiels.

Kathrin Rögglas Stück Fake Reports / Die 50 Mal besseren Amerikaner spielt am 11. September 2001 in New York, wo die österreichische Dramatikerin den Einsturz der Twin Towers miterlebte.

Firmenalltag, Raubtierkapitalismus und Jugendkriminalität stehen im Mittelpunkt der Texte von Falk Richter, Roland Schimmelpfennig und Marius von Mayenburg. Die drei Autoren gehören zu den Pionieren der neuen deutschen Theaterszene, die sich seit rund fünfzehn Jahren auf den Bühnen Berlins und Hamburgs entwickelt.

Falk Richter ist vielleicht nicht der typischste Vertreter dieser jungen Szene, dafür aber einer der bekanntesten deutschen Dramatiker. Der 42-jährige Freigeist ist Hausautor bei der renommierten Berliner Schaubühne. Er schreibt für die Bühne und für seine Schauspieler und inszeniert die meisten seiner Stücke selbst – so auch Play Loud, das er am Brüsseler Nationaltheater auf Französisch präsentierte.

Falk Richter stammt aus einer bürgerlichen Hamburger Familie. Seine Faszination gilt den Kommunikationsschwierigkeiten, Missverständnisse und Spannungen im menschlichen Miteinander, deren Ursprünge er mal in Kindheitstraumata wie in Play Loud, mal in jener seelenlosen Arbeitswelt sucht, wie sie die Figuren aus Unter Eis erleben. Anne Monfort, die Richters Stücke seit ihrer Begegnung mit dem Autor in Berlin 2001 ins Französische überträgt, meint: „Richter lebt ganz stark in der Gegenwart. Als ich Gott ist ein DJ zum ersten Mal sah, mochte ich seinen tragischen Humor. Im Gegensatz zu anderen deutschen Autoren, deren sehr trashige Stücke oft Familiendramen behandeln, ist Falk kompromisslos politisch. Er spielt aber nie den Oberlehrer, denn die Widersprüche unserer Generation sind ihm wohl bewusst. Er vergisst nie, dass er selber ein iPhone besitzt. Ich mag seine Ironie.“

Falk Richters Stücke sind weniger verzweifelt als die finsteren Tragödien der Britin Sarah Kane und subtiler als die flammenden Schmähreden des Argentiniers Rodrigo Garcia. Sie werden regelmäßig in Frankreich und ganz Europa inszeniert - im Jahr 2010 war sein Stück Trust auf dem Theaterfestival von Avignon zu sehen.

Bertolt Brecht – ein lästiges Erbe?

Jung, deutsch und politisch – geht es um Theaterautoren, so beschwört dieses Profil schnell alte Geister herauf. Zur Zeit der Weimarer Republik sah so mancher Autor in seiner Kunst die geeignete Waffe im Kampf gegen eine brutale, zerrissene Gesellschaft. Erwin Piscator gründete 1920 seine erste eigene Bühne mit dem bedeutungsschweren Namen „Proletarisches Theater Berlin“, deren Darbietungen das Publikum erklärterweise von der Notwendigkeit einer marxistischen Revolution überzeugen sollten. Für ein so nobles Ziel wurde beim technischen Aufwand nicht gegeizt: Man arbeitete mit Lautsprechern, Drehbühnen und Filmprojektionen. Auf einem Festival liefe Piscator heute wohl in der Kategorie „interdisziplinäres Theater“. Seine etwas hochtrabenden Projekte beeinflussten damals den jungen Bertolt Brecht. Für eine ausführliche Darstellung von Brechts Theatertheorien fehlt hier Platz und Zeit – ein Lego-Fan hat die Verdienste des großen deutschen Dramatikers auf seine Art zusammengefasst:

Kurz, Brechts „Entfremdungseffekt“ krempelte die Codes von dramatischer Schreibweise und Theaterregie völlig um. Statt sich von der Geschichte mitreißen zu lassen und sich mit den Figuren zu identifizieren, sollte der Zuschauer über die auf der Bühne dargestellte Situation nachdenken. Mit dem Berliner Ensemble wollte Brecht die Menschen auf soziale und politische Missstände aufmerksam machen. Dennoch war das „epische Theater“ alles andere als schwerverdauliche Propaganda – das Publikum wurde zugleich unterhalten, z.B. mit musikalischen Einlagen.

Nach seiner Flucht vor den Nazis in den 1930er Jahren entschied sich Brecht bei Kriegsende für Ostberlin und die DDR. Das von ihm gegründete, am Spreeufer angesiedelte Berliner Ensemble besteht noch heute und bringt regelmäßig Baal, Der kaukasische Kreidekreis, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui und andere Brecht-Klassiker auf die Bühne.

Seit dem Fall der Mauer distanziert sich das deutsche Zeittheater zunehmend von ideologischen Diskursen und betrachtet die westliche Gesellschaft lieber mit scharfem, zynischem oder rebellischem Blick. Doch auch wenn Brechts Aura heute etwas schwächer schimmert, so hat sein Konzept des epischen Theaters die deutsche Dramatik entscheidend geprägt. In Roland Schimmelpfennigs Der goldene Drache ist des Meisters Erbe unübersehbar: Die Schauspieler schlüpfen von einer Rolle in die andere, viele Figuren sind namenlos und heißen – nach ihrer gesellschaftlichen Funktionen oder ihrer Herkunft – „die Stewardess“ oder „der chinesische Koch“. Alle Schauspieler schlüpfen der Reihe nach in die Erzählerrolle. Eine Geschichte erst erzählen, dann nachspielen, um schließlich ständig zwischen beiden Rollen zu wechseln: das nennt man „Entfremdungseffekt“ à la Bertolt Brecht.

Der junge Dramatiker Marius von Mayenburg machte rund zehn Jahren nach dem Mauerfall auf sich aufmerksam. Zu seinem Stück Freie Sicht sagt der Autor treffend: „Ich mag Theater, das mich dort hinzusehen veranlasst, wo ich normalerweise wegschauen würde. (…) Wenn die sozialen, politischen und historischen Umstände es erlauben, kann das Theater eine ganze Gesellschaft – oder zumindest einen Teil von ihr – dazu bringen, sich selbst besser kennenzulernen.“

Frankreich: Dichter bevorzugt

Während deutsche Dramatiker sich ganz selbstverständlich von politischen und sozialen Ereignissen inspirieren lassen und die zeitgenössische Gesellschaft ohne Skrupel auseinandernehmen, sind die französischen Autoren weitaus vorsichtiger. Zwar wünscht man sich auch in Frankreich engagiertes Theater, und die bekanntesten deutschen Autoren wurden mit Erfolg auf Französisch aufgeführt. Doch für die meisten französischen Dramatiker geht Poesie vor Politik – ein Aspekt, der in Deutschland mehr als sekundär ist. Das französische Theater brandmarkt man beizeiten gar als „geschwätzig“. Ja, französische Autoren scheuen vor einer kritischen Stellungnahme zum Zeitgeschehen merklich zurück. Man nehme den Autor Fabrice Melquiot: Er gehört zur gleichen Generation wie Richter und Mayenburg. Nach seinem Schauspielerdebüt schrieb er erst Theaterstücke für Kinder, dann für Erwachsene. Im Jahr 2007 schaffte er den Durchbruch mit den Stück Tasmanien, in dem er schildert, wie ein aggressiver kleiner Teufel es an die Spitze Frankreichs schafft… Die erste öffentliche Lesung im Théâtre de la Bastille fiel mitten in den Präsidentschaftswahlkampf. Das Stück wurde sofort veröffentlicht – und schaffte es doch nie auf eine französische Bühne. Dafür wurde Tasmanien im Jahr 2008 am Theater Bonn inszeniert! Ist das französische Theater feige? In Sachen Reaktivität kann es mit Deutschland jedenfalls kaum mithalten.

Feste Besetzung und rotierende Spielpläne

Die deutsche Theaterszene ist ein Monster, das ständig nach neuem Futter verlangt. Die Nachfrage nach neuen Stücken und jungen Autoren ist groß. Jedes staatlich geförderte Theater besitzt seine eigene Truppe mit ganzjährlich bezahlten Schauspielern sowie eigene Regisseure und Hausautoren. Der Spielplan funktioniert nach dem Rotationsprinzip: eine ganze Saison lang gibt es ein festes Programm mit mehreren Stücken, die sich allabendlich abwechseln. Dieses Konzept, das schon die Comédie Française erfolgreich anwandte, schweißt die Künstlertruppen zusammen. Und diese erlauben sich so manche Kühnheit, die in Frankreich kaum vorstellbar ist, erklärt der international erfolgreiche Schaubühnen-Regisseur Thomas Ostermeier). Die Theaterdirektoren geben regelmäßig neue Texte in Auftrag – ein rein klassisches Repertoire kommt für sie nicht in Frage. Dabei geht es nicht um die Schaffung von Meisterwerken, sondern darum, ständig am Zeitgeschehen zu bleiben. Junge Autoren werden gleich an den Universitätstoren rekrutiert. In Frankreich ist das System komplexer: Ob ein Stück es auf die Bühne schafft, hängt vor allem vom Verhandlungsgeschick des Regisseurs und seiner Truppe ab, die auf die finanzielle Unterstützung der großen Theater angewiesen sind. Die Suche nach Koproduzenten ist eine ebenso heikle Angelegenheit – und angesichts der Vorliebe französischer Regisseure für Neuauflagen alter Klassiker ist der Raum für zeitaktuelle Texte mehr als begrenzt.

Doch auch das deutsche Konzept ist nicht unfehlbar. Zeitaktuelle Stücke veralten so schnell, wie sie einst in den Theaterhimmel aufstiegen. Wird die junge Dramatikergeneration des wiedervereinten Deutschlands die Zeit überdauern? Wen kümmert’s – die deutsche Theaterindustrie bringt jedes Jahr neue Autoren hervor. Einige unter ihnen sind noch nicht einmal 30 Jahre alt – eine Dynamik, die in Europa ihresgleichen sucht.

 

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@joshua: kleiner tipp an Sie: VOR dem kommentieren die termine GENAUER anschauen (s.o.)

@musickofi: Das musst Du jetzt mal allen Lesern erklären... Du schreibst am 14.06.2013 um 1:25Uhr einen Kommentar zu einer Live-Aufführung die erst am 14.06.2013 um 20:00Uhr beginnt... Wer oder was hier ERBÄRMLICHER ist da wohl klar.

…ein unspiriert spielendes, offensichtlich gelangweiltes orchester; musiker, die sich während der aufführung unterhalten; ein bratschist kurz vorm einschlafen. dazu ein genervtes & spießiges publikum (einzelne, die gar den saal verlassen). schließlich eine überaus peinliche liveregie mit verwackelnden u./o. unpassenden kamera-einstellungen. welch eine ERBÄRMLICHER abschied, den man diesem ausnahmedirigenten da bereitet hat!! diesen eindruck machen dann auch die bravos & der rosenregen nicht mehr wett… und das alles bei einem so tollen stück musik…

musickofi,
 Goodbye Paavo Järvi!

Als ob 'n hübsches Mäuschen mit 'm dünnen Stimmchen und Bigband reichen würden, Waits zu interpretieren. Das einzige was hier hervorzuheben ist, ist der Mut, mit so wenig Voraussetzung so ein Projekt anzufassen. Ganz schlimm!!!

themanwhostolehisownhorsetwice,
 Rebekka Bakken singt Tom Waits

Was für ein Konzert,Super.
Die Arrangements sind hervorragend.

Wilhelm Sammann,
 Oregon meets hr-Bigband