
Laut, krass und extrem: Neben den USA ist auch Japan ein wichtiges Zentrum für Noise-Rock, und das schon seit Ende der 1970er-Jahre. Japanoise ist ein eigener, origineller Stil, der eine echte Konkurrenz zu westlichen Pendants darstellt, diese zuweilen sogar beeinflusst und sich noch dazu optimal exportieren lässt. Porträt einer komplexfreien Musikszene.
Wer schon einmal dort war, weiß: In Japan ticken die Uhren einfach anders. Auch – oder vor allem – in der Musik. Pop- und Rockfans westlicher Musik fanden die blassen Abklatsch-Varianten aus dem Land der aufgehenden Sonne (trotz einiger seltener Ausnahmen wie Yellow Magic Orchestra von Ryuchi Sakamoto oder Cornelius) zwar lange Zeit unbefriedigend, aber diese Tendenz hat sich seit den 1980er-Jahren deutlich umgekehrt. Die junge japanische Musikszene hat das Rad zwar nicht völlig neu erfunden, aber sie verschrieb sich einem konsequenten Comeback des Punk. In Japan bildete sich eine ebenso leidenschaftliche wie innovative Szene mit einem Genre heraus, das zur Identitätsstiftung lokale Kulturspezifika einsetzt und nicht wie bei anderen Musikstilen (Rock, Folk, Pop etc.) einfach nur das angelsächsische Modell kopiert. In den 1980er-Jahren hat sich die japanische Experimentalrock-Szene derart emanzipiert, dass eine alternative Strömung entstand, deren Vorzüge und Originalität echte Exporterfolg hervorbrachten: J-Rock und Japanoise.
Einen „Urvater“ für diese Bewegung gibt es streng genommen nicht, aber zumindest doch einen Paten. Dafür müsste man die Zeitmaschine bis Anfang der 1970er-Jahre zurückdrehen, als der geheimnisvolle Keiji Haino die Saiten seiner Elektrogitarre quälte. Nachdem er sich Lost Aaraaffs Noise-Jazz distanziert hatte, gründete er seine Band Fushitsusha, deren freier, erfinderischer und mit Feedback-Flashs durchsetzter Rock die Weichen für die musikalischen Umwälzungen des kommenden Jahrzehnts stellen sollte. Zu Hainos Bewunderern zählte ein Amerikaner namens Thurston Moore, dessen Band Sonic Youth mit einer kraftvollen Mischung der Zutaten Postpunk, Noise Rock und No Wave einen Zaubertrank zusammenbraute, der den New Yorker Alternativrock ab Anfang der 1980er-Jahre zum Brodeln brachte.
Konzert mit Schaufelbagger
In dieser Zeit veröffentlichte auch Masami Akita, heute ein schneidiger Mittfünfziger, unter dem Künstlernamen Merzbow seine ersten Kassetten. Seine Einflüsse stammten aus dem psychedelischen und Prog-Rock sowie aus dem Free Jazz, aber vor allem schüttelte er diese Komponenten im Punk-Shaker neu zusammen und wagte schon sehr früh Kompositionen auf seinem Laptop, die ihn zum Kult-Künstler machten. Das Duo Incapacitants stellte dieser sehr ausgefeilten Arbeit einen Electro-Noise aus Maschinen und Instrumenten, mit akustischen Rückkopplungen und Improvisationen. Zwei Extreme, in deren goldener Mitte sich seit 1986 die Boredoms ansiedelten, mit einer Noise-Palette, die von den Gipfeln des Art Rock bis an die Ufer der atmospährischen Electromusik reicht. Diese sehr einflussreiche Band, die viele junge Japaner prägte, wurde von Yamantaka Eye gegründet, dem Leader der Kult-Band Hanatarash, einem Duo, das bekannt ist für seine gefährlichen Konzertauftritte, in denen Eye auch schon einmal eine Katze mit der Machete zerteilt oder die Bühne mit einem Schaufelbagger zerstört.
Den Namen Boredoms fand er in einem Lied der Buzzcocks – so, als wolle er zeigen, dass er den Pop-Anteil im Brit-Punk sehr wohl erkannt hatte. Als Ethno-Formation mit drei Schlagzeugen gingen die Boredoms Anfang der 90er-Jahre mit Sonic Youth und Nirvana auf Tournee, während Eye nebenher mit dem Avantgardisten John Zorn zusammenarbeitete. Trotz eines hohen Turnovers in der Zusammensetzung und einer raschen Passage bei einem Mafor-Label gibt es die Band immer noch, und an ihrer Spitze steht – ebenfalls immer noch - der unsägliche Eye. Boredoms steht nach wie vor für eine Musik, die keinen Raum für Konzessionen lässt.
Er fing ungefähr zur selben Zeit an (1987), aber sein Projekt kam nie wirklich ins Rampenlicht: Hinter Masonna (ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben von Mademoiselle Anne Sanglante Ou Notre Nymphomanie Auréolée und eine kaum versteckte Anspielung auf Madonna) versteckt sich der Experimentalmusiker Yamazaki Maso aus der japansichen Heavy-Metal-Szene. Als Bewunderer des Excentric Blues von Captain Beefheart und stark dem Psychedelic-Rock zugeneigt, hebt sich Maso bei den Konzerten von Masonna durch Extrem-Performances hervor, während derer er wie Rumpelstilzchen auf der Bühne herumhüpft und am Ende meist sein Material zertrümmert. Seinem Charisma verdankt er es, dass er in die berühmte Radiosendung des Briten John Peel eingeladen wurde und als Opener von Sonic Youth, Beck und Slipknot in Japan auf der Bühne stand. Maso hat auch mit Merzbow zusammengearbeitet, für ein Projekt mit dem schönen Namen Flying Testicle.
Auch die Mädchen machen einen verrückt
Die Freiheit dieser alternativen japanischen Strömung eröffnete der gesamte Jugend Perspektiven, und auch die Frauen eroberten sich ihren Platz. Ab dem Beginn der 1980er-Jahre ebnete das Trio Shonen Knife den Weg mit einer Formel, die Pop-Punk à la Ralmones und Pre-Grunge vermischte – und von Sonic Youth, Nirvana und Konsorten in den USA hoch gelobt wurde. Der alternative weibliche J-Rock war geboren, und andere folgten mit ihrer Wasabi-Noise-Variante im Kielwasser nach. 1992 gründete die Sängerin Onuki Yasuko in Tokio die Band Melt Banana, deren erstes Album von dem Amerikaner Steve Albini produziert wurde, der die Girls für die Einspielung nach Chicago holte. Dort knüpften sie zahlreiche Kontakte und arbeiteten später mit Jim O'Rourke und Mike Patton zusammen sowie mit dem unumgänglichen John Zorn, dem besten Freund des freien Japans. Dazu kamen Opening-Acts für Wire, Fantomas und Tool.
Die Namen John Zorn und Steve Albini tauchen wieder im Zusammenhang mit Ruins auf, einem Duo (Bass und Schlagzeug) aus den 80ern. Trotz eines hohen Verschleißes an Bassisten bleibt Leader Tatsuya Yoshida dem Esprit des Prog-Rock à la Magma, Yes und King Crimson eng verbunden, auch wenn er ihn mit einem jungen, alternativen Wind aufmischt.
1994 trat eine deutliche Wende ein: Das Trio Boris entlehnte seinen Namen z. B. nicht mehr einem Song der Buzzcocks, sondern den Hardcore-Amis Melvins. Das weibliche Bandmitglied Takeshi beeindruckte mit ihrer Doppelhalsgitarre (je ein E-Bass- und ein E-Gitarrenhals) und lieferte die japanische Antwort auf den experimentalen Doom Metal, der aus Kellern herausdröhnte, in denen sich US-Bands wie wie Sunn O))) und Earth bildeten. Jim Jarmusch surfte auf der Welle und heuerte sie zusammen mit den besten Botschaftern dieser neuen Musikrichtung für den Soundtrack seines Films The Limits of Control (2009) an. Auch renommierte Labels wie Southern Lord und Hydra Head interessierten sich für Boris. Ende der 90er-Jahre gründete Yoshimi P-We, Schlagzeugerin der Boredoms, mit drei Freundinnen die Band OOIOO, die sich wie eine Postrock-Variante der Boredoms anhört.
Trotz der produktiven J-Rock-Szene, die parallel zu den angelsächsischen und europäischen Szenen der 90er-Jahre florierte, konnte das Land dem Übergang ins Jahr 2000 entspannt entgegensehen - in Japan war kein „Milliennium Bug“ angekündigt. Japanoise-Bands lagen voll im Zeitgeist und bevölkerten zu Beginn dieses 21. Jahrhunderts weltweit die Festival-Bühnen. Nisennenmondai (sinngemäß ebengerade „Millenium Bug“) ist ein Frauen-Trio, dessen Debüt-EP in ihren Titeln großen musikalischen Vorbildern die Ehre erweist (The Pop Group, This Heat und Sonic Youth). Kein Geheimnis also, woher die drei Teufelsweiber ihre Einflüsse aus Postpunk und tribaler No Wave ziehen, mit Namen, die ein Erbe aus Free-Jazz und repetitiver Musik beanspruchen. Seit ungefähr derselben Zeit gibt es auch die Polysics, ein Quartett aus zwei Männern und zwei Frauen, das den Hörer musikalisch in die energiereiche, knallfarbige New Wave von Devo und den B-52's taucht – ein neuer Aspekt der japanischen Musikszene, weniger experimentell, aber mindestens genauso schwungvoll. Wenn man dieses Bild mit dem sehr empfehlenswerten Postrock der Tokioter Band Mono ergänzt, die deutlich Einflüsse von Sonic Youth, My Bloody Valentine und den Soundtracks von Ennio-Morricone-Filmen verarbeitet, dann sagt man sich, dass sich J-Rock und Japanoise wirklich durchgesetzt haben - mit einer komplexen, originellen und unnachahmlich japanischen Musikpalette.
Konzert-Tipp: Keiji Hano am 8. November in der Gaîté Lyrique, Paris mit Stephen O'Malley von Sunn o)))
Photo : Merzbow von daveknapik
I'm not religious, but this music is one of the most profound experiences that I have ever had. Bach transcends creed, ideology etc.
I'm not religious, but this performance means so much to me. I feel the deepest emotions on hearing this music.
sorry, aber das geht GAR NICHT, was die da auf der Bühne fûr ne show abziehen ... und was die musik betrifft ist der putput auch echt mal kläglich ...
auf den spuren unserer singenden Mutter
Find die Kritik am Turbofolk ja ziemlich billig.
Es ist ja nicht so das Goran Bregovic und Kusturica nicht Kitsch verkaufen und das vor allem die Texte von Goran extrem kompliziert sind.
Der Turbofolk ist auch kein Produkt der 90er sondern wurde von Bregovic fast erfunden, er war der erste der Volksmusik mit Elementen westlicher Welt vermischte.
Ceca war auch vor ihrer Heirat mit Arkan populär und ein Jungstar gemeinsam mit Dragana Mirkovic.
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