Mit Klavier ist das Leben schön

Am 07.09.2011 um 11.43 Uhr, Julien Raff
Mit Klavier ist das Leben schön

Anlässlich des Abschlusskonzertes des Klavier-Festivals von La Roque d’Anthéron, bei dem sich auf einer einzigen Bühne ein ganzes Heer von Pianisten aller Generationen und Stilrichtungen versammelt, werden hier einige außergewöhnliche Klavierspieler vorgestellt.

„Alles ist hier drin“, sagt Mozart zu Schikaneder, dem Auftraggeber der Zauberflöte, in Amadeus, sowohl in Peter Shaffers als auch in Miloš Formans Version, und schlägt sich dabei gegen die Schläfe. „Alles ist hier drin. In meinem Kopf. Der Rest ist nur Kritzelei.“ So sieht die Realität eines Musikers aus: Sein Rohstoff ist die Kritzelei des Komponisten, die hingetupften Flecken auf Notenlinien. Es ist die Aufgabe des Musikers, auf dieser Grundlage eine geniale Interpretation zu entwickeln. Glücklicherweise ziehen die Instrumentalisten neben der Partitur auch die Tradition, die Lehre, die großen Meister und alte wie neue Texte zu Rate. Und es darf nicht unerwähnt bleiben, dass es zahlreiche Quellen und reichhaltige Werke zum Thema gibt.

In der klassischen Musik stellt die Interpretation möglicherweise den letzten kleinen Freiraum dar, einen der wenigen Handlungsspielräume, die dem Musiker noch gelassen werden. Durch die Interpretation unterscheiden sich die Virtuosen voneinander, durch sie versuchen sie, Karriere zu machen. Dabei wird der Korpus immer respektiert, und dennoch versucht jeder, ihm seine persönliche Note zu verleihen, um sich von der Konkurrenz abzuheben. Am Klavier steht oft die Virtuosität im Vordergrund. Am meisten werden jedoch jene bejubelt, die es verstehen, ihre Fantasievorstellungen in ihren Interpretationen auszudrücken. Trotz unveränderlicher Partitionen treten äußerst unterschiedliche Interpreten hervor. Hier werden nun einige außergewöhnliche Pianisten vorgestellt.

Wird der Text nicht respektiert, gibt es keine Erlösung

Gewissenhafte Musiker gestehen sich erst dann das Recht zu, ein Werk anzurühren und ihm ihre eigenen Gefühle einzuflößen, wenn sie alle vorstellbaren Quellen verinnerlicht haben. Dinu Lipatti ist womöglich ein wenig in Vergessenheit geraten, doch die Qualität der Tonaufzeichnungen, die der rumänische Pianist hinterlassen hat, sprechen für seine äußerst präzise Herangehensweise, die er leidenschaftlich verteidigte. So sehr war er von ihr überzeugt, dass er ganze 16 Jahre an der Partita in B?Dur von Bach arbeitete, ehe er sie aufnehmen ließ.

Sein Wagemut als Interpret und seine Verrücktheit machten Glenn Gould bekannter als Dinu Lipatti. Der kanadische Pianist hatte seine besonderen kleinen Angewohnheiten (darunter auch sein Klavierhocker, ohne den er nicht spielte) und einen ganz eigenen Stil: Er lehnte sich so nah wie möglich an den Flügel und summte die Partitur mit (was auf seinen Aufnahmen immer für Belustigung sorgt). Er hielt sich zwar immer treu an die Partitur, mit den Hinweisen zum Rhythmus nahm er es jedoch nicht so genau. Schon früh wurde er der Konzerte überdrüssig und konzentrierte sich auf Aufnahmen und andere Projekte. Darunter auch seine Stiftung, die sich dafür einsetzte, den Applaus bei öffentlichen Veranstaltungen zu verbieten, sowie sein Radiohörspiel The Idea of North über den Norden Kanadas.

David Helfgott wurde weniger gefeiert, verdient aber ebenfalls Erwähnung. Der Film Shine erzählt sein Leben zwischen Klavier und schizoaffektiven Störungen. Auch ihm fiel es schwer, mit anderen Menschen konfrontiert zu werden. So kehrte er der Bühne ein knappes Jahrzehnt lang den Rücken.

Ohne die rechte Hand

Pianisten leiden jedoch nicht nur unter psychischen Problemen. Noch überraschender sind jene, die mit eisernem Willen ihre körperlichen Einschränkungen überwunden haben. Der Pianist György Cziffra wurde in Budapest geboren und trug den Spitznamen „Virtuose mit dem ledernen Handgelenk“. Er war ein scharfer Kritiker des kommunistischen Regimes. Dies kam ihm teuer zu stehen, wie sein Schicksal als politischer Gefangener von 1950 bis 1953 zeigt. Es heißt, seine Folterer hätten sich einen Spaß daraus gemacht, ihm die Handgelenke und die Finger zu brechen. Dabei verdrängt jedoch möglicherweise der Mythos die Realität. Aus anderen Quellen hört man, nur die Zwangsarbeit habe seine Beschwerden verursacht. Statt aber seine Virtuosität verloren zu geben, erkämpfte er sie sich mit harter Arbeit zurück. Dennoch hatte er sein Leben lang mit Gelenkbeschwerden zu kämpfen.

Noch erstaunlicher ist die Geschichte von Paul Wittgenstein. Der hochgeschätzte Pianist und ältere Bruder des Philosophen verlor seinen rechten Arm im ersten Weltkrieg. Dennoch war er keineswegs bereit, seine Musikkarriere aufzugeben. Er blieb Musiker, unterrichtete Musik und arrangierte zahlreiche Partitionen für die linke Hand allein. Eines Tages war er dann wohlhabend und bekannt genug, um Komponisten zu bitten, Werke für ihn zu schaffen. Zu den bekanntesten zählt das Klavierkonzert für die linke Hand von Maurice Ravel. Wittgensteins Interpretation des Stückes führte jedoch zum Zerwürfnis mit dem französischen Komponisten (die Geschichte wird unter anderem in Jean Echenoz’ Roman Ravel beschrieben).

Nicht nur Wittgenstein verwandelte Partitionen für beide Hände in Konzerte für eine Hand. Ein Meister in dieser Disziplin war auch der 1870 geborene Pole Leopold Godowsky. Zu seiner Zeit war er ein gefeierter Interpret und vor allem ein sehr produktiver Komponist. Er bearbeitete Etüden von Chopin derart, dass daraus neue Werke entstanden. So verwandelte er die Etüde op. 10, Nr. 6 in ein Stück für die linke Hand allein. Er komponierte auch selbst Stücke für die linke Hand, und Experten sind sich einig, dass nur außergewöhnliche Virtuosen sie spielen können. Beim Anhören dieser Werke könnte man trotz des extremen Minimalismus schwören, zwei oder sogar noch mehr Hände zu hören.

Einigkeit macht stark

Manche Interpreten hatten genau die gegenteilige Idee und dachten sich: je mehr, desto besser. Beim Klavier?Festival von La Roque d’Anthéron schrieb Jean?François Heisser Variationen für acht Hände über Beethovens neun Sinfonien. Jean?Claude Pennetier trug noch dicker auf und präsentierte eine Transkription des Hexameron (von Liszt gemeinsam mit Chopin, Czerny und anderen Komponisten komponiert) für sechs Klaviere. Doch es ist noch mehr möglich. Lang Lang, der aufsteigende Stern am Pianistenhimmel, holte 101 Klaviere auf die Bühne. Eigentlich handelte es sich dabei um ein spielerisches und pädagogisches Projekt. Und die Klaviere sind elektrische Klaviere, da es sich schwierig gestaltet, 101 Steinway? oder Yamaha-Konzertflügel auf einer Bühne unterzubringen – und sie alle gleich zu stimmen.

Die Metamorphose des Klaviers

Andere Musiker wagten es, die Instrumente anderen Bestimmungen zuzuführen. Die modernen zeitgenössischen Komponisten, die ihr Instrument in? und auswendig kennen, begnügen sich nicht mit Halbheiten. Natürlich zählt auch John Cage (1912?1992) dazu. Er wurde durch seine zahlreichen Werke für präpariertes Klavier bekannt, bei denen er auf den Saiten, genauen Anweisungen folgend, einen Nagel, ein Stück Holz und ein Glas anbrachte. So wurde aus dem melodiösesten aller Instrumente ein Perkussionsinstrument. Der erste Fernsehauftritt des Komponisten bietet eine von zahlreichen Hörproben davon.

Karlheinz Stockhausen (1928?2007), ein weiterer Klavier-Kreativer im Umfeld von Cages aleatorischer Musik, bekannt vor allem für sein Stück Helikopter-Streichquartett, komponierte die Klavierstücke. Hier bildet jede Partitur eine Zusammenstellung von Motiven, die der Interpret nach seinem Gutdünken zu spielen hat, oft mit den Ellenbogen und den Unterarmen. Die Partituren geben kaum noch Hinweise und sind somit fast schon grafische Kunstwerke. Ob man das Ergebnis nun hören kann oder nicht, hängt von der Fähigkeit des Zuhörens und des Grades an Opferbereitschaft im Angesicht der Kakofonie ab. Es lässt jedoch niemanden gleichgültig. In jüngerer Zeit machte der junge Nils Frahm als Vertreter der neuen postklassischen Szene auf sich aufmerksam. Unter der Leitung von Peter Broderick ist ein „leipogrammatisches“ Album entstanden, unter anderem mit einem Stück, bei dem Broderick im Inneren des Flügels lag. Sein neues Album Felt hat Nils Frahm nachts und zu Hause aufgezeichnet. Er war auf diese Weise gezwungen, so leise wie möglich zu spielen, um seine Nachbarn nicht zu stören, und platzierte die Mikrofone so, dass sie die Klaviersaiten fast berührten. So hört man jedes Knarren und auch noch den leisesten Ton des Instruments.

 

Unter den Cage-Interpreten befinden sich zahlreiche Fantasten, die die Vielfalt lieben. Darunter auch der junge Pianist Francesco Tristano, auf dessen Album bachCage sowohl die Partita von Bach als auch die Suite The Seasons von Cage und zwei Eigenkompositionen zu finden sind. Auf seinen Konzerten interpretiert er auch Techno-Klassiker und bewegt sich mit Leichtigkeit zwischen Derrick May, Bach und Dusapin hin und her. Inzwischen hat er die Band Aufgang gegründet, ein Trio, das seine beiden Leidenschaften vereint. Außerdem wurde er vor Kurzem im Pariser Elektromusik-Tempel „Gaîté Lyrique“ an der Seite von Carl Craig gesehen.

Heutzutage sind die Grenzen zwischen den Musikgattungen durchlässig. Es gibt herausragende Jazzmusiker, die Rockklassiker spielen. Manche denken, sie würden so ihr Talent verschwenden, andere schreiben ihnen eine erfreuliche Offenheit zugute. So findet Yaron Herman Spaß daran, den Klang der Klaviersaiten zu dämpfen, und interpretierte sowohl den Nirvana-Song Heart-Shaped Box als auch Toxic von Britney Spears um. Und Brad Mehldau steigerte seinen Beliebtheitsgrad durch sein Album The Art of the Trio, Vol. III sowie Coverversionen der Songs von Nick Drake und Radiohead um ein Vielfaches.

 

 

Mehldau war überrascht, dass ihm die Coverversionen von Radiohead angekreidet wurden, wo es für ihn doch etwas ganz Natürliches war. Schließlich enthält auch Gershwins Rhapsody in Blue (die dieses Jahr in La Roque d’Anthéron von Frank Braley und auf dem Festival von Saint-Denis von Gabriela Montero unter der Leitung von Kristjan Järvi gespielt wird) nicht wenige Jazzelemente und gehört seit Langem zum Standardrepertoire von klassischen Orchestern. Die Regeln werden immer weniger beachtet, die Interpreten spielen mit Musikstilen Verstecken und gehen schamlos von Elektro zu Barockmusik über. Sie vermischen die Musikgattungen und spielen mit den Nerven der Zuhörer. Obwohl das für Puristen einfach untragbar ist, bauen die Interpreten auf diese Weise doch Brücken zwischen den großen Musikströmungen. Es scheint nicht unwahrscheinlich, dass so manche Großmutter bald einmal unwissentlich Techno-Klassikern lauschen wird.

 

Pianisten im Sommer 2011 auf ARTE Live Web:

- Nikolai Luganski spielt Rachmaninow
- Nicholas Angelich interpretiert Liszts Wanderjahre
- Aldo Ciccolini spielt mit dem Orchestra Ensemble Kanazawa
- Tord Gustavsen, eine Perle des skandinavischen Jazz unter dem Label ECM
- Soloauftritt von Tigran Hamasyan
- das Yaron Herman Trio und danach eine Solo?Improvisation von Yaron Herman in La Roque d’Anthéron
- Erster Teil des Abschlusskonzerts des Festivals von La Roque d’Anthéron mit Rami Khalife, Francesco Tristano, David Kadouch, Frank Braley, Nikolai Luganski, Vadim Rudenko, Jean?Claude Pennetier, Marie?Josèphe Jude, Claire?Marie Leguay, Emmanuel Strosser und Guillaume Vincent
- Zweiter Teil des Abschlusskonzertes des Festivals von La Roque d’Anthéron mit fast denselben Interpreten und zusätzlich Yaron Herman


 

 

Kommentar hinzufügen

Speichern
 
 
Blog
rss

Wollen Sie über die neuesten Veröffentlichungen auf ARTE Live Web informiert werden?

 
newsletter

Wollen Sie mehr Informationen? Wollen Sie eine Veranstaltung veröffentlichen?

 
 
 

Rubriken

 
 
 

Letzte Kommentare

 

I'm not religious, but this music is one of the most profound experiences that I have ever had. Bach transcends creed, ideology etc.

I'm not religious, but this performance means so much to me. I feel the deepest emotions on hearing this music.

sorry, aber das geht GAR NICHT, was die da auf der Bühne fûr ne show abziehen ... und was die musik betrifft ist der putput auch echt mal kläglich ...

Peter Pan,
 Introducing: Islet

auf den spuren unserer singenden Mutter

Find die Kritik am Turbofolk ja ziemlich billig.

Es ist ja nicht so das Goran Bregovic und Kusturica nicht Kitsch verkaufen und das vor allem die Texte von Goran extrem kompliziert sind.

Der Turbofolk ist auch kein Produkt der 90er sondern wurde von Bregovic fast erfunden, er war der erste der Volksmusik mit Elementen westlicher Welt vermischte.

Ceca war auch vor ihrer Heirat mit Arkan populär und ein Jungstar gemeinsam mit Dragana Mirkovic.

OriginalBalkaner,
 Balkan, Beats und Blasmusik