Palimpseste ziehen sich wie ein roter Faden durch dieses von Alain Altinoglu dirigierte Konzert, dem die großartige Nora Gubish zusätzlichen Glanz verleiht.
Als Palimpsest werden übereinanderliegende Schriftlagen auf Pergament bezeichnet. Im Mittelalter, als frisches Pergament rar war, war das Wiederverwerten bereits beschriebener Blätter, von denen die Tinte abgekratzt wurde war, weit verbreitet und führte zu beeindruckenden Effekten. Oft waren noch Reste filigraner früherer Beschriftung zu sehen. Dieser Gedanke an verschiedene Texte, die gewissermaßen gleichzeitig sprechen, in Dialog treten, sich Antworten geben oder vollkommen unterschiedliche Geschichten erzählen, und zwar in derselben Zeit und demselben Raum, steht im Zentrum von Marc-André Dalvavies Sextuor: Die Partitur wurde über die eines Madrigals aus dem 16. Jahrhundert geschrieben, auf Gesualdos „Beltà, poiche t’assenti“.
Die von Maurice Ravel vertonten Poèmes de Stéphane Mallarmé nehmen Bezug auf Schönbergs Pierrot Lunaire (seinerseits Vertonung von 21 Gedichten Albert Girauds), so wie Igor Strawinski sie ihm beschrieben hatte. Strawinski selbst ist in diesem Konzert mit seinen Acht Miniaturen vertreten, einer Orchestrierung der Fünf Finger, eines russischen Zyklus für Klavierübungen.
Programm:
Igor Stravinski – Acht Miniaturen, Concertino für 12 Instrumente
Maurice Ravel - Trois Poèmes de Stéphane Mallarmé
Marc-André Dalbavie - Palimpseste
Luciano Berio - Folk Songs
Foto © Phillipe Grunchec