Das Programm schöpft aus der traditionellen süditalienischen Musik, die mündlich vom Vater an den Sohn weitergegeben wurde: Tarantella und andere bäuerliche Tänze, Liebes-, Arbeits- und Klagelieder. Das Ensemble Accordone bereiste die Dörfer des Südens auf der Suche nach den letzten Hütern dieser Tradition. Die daraus entstandene Liedersammlung ist ein wahrer Erinnerungsschatz. Der Sänger und Schauspieler Pino de Vittorio widmet sich seit Langem der Aufgabe, die vom Aussterben bedrohte Musik durch eigene musikalische Suche zu bereichern und in Neuinterpretationen lebendig zu machen.
Der Begriff ?Tarantelle? leitet sich von der in Süditalien häufig vorkommenden Tarantel ab, deren Biss der Volksglaube den Ausbruch der Tanzkrankheit (Tarantismus) zuschreibt. Frühe medizinische Berichte über das Phänomen beschreiben neben körperlichen Beschwerden auch Melancholie sowie einen sehr starken und sinnlich gefärbten Bewegungsdrang. Als therapeutisches Mittel wurde den Kranken, die bereits im 15. und 16. Jh. ?tarantati? genannt wurden, Tanzmusik (die ?Tarantella?) vorgetragen, um die Betroffenen zum Tanz zu nötigen. Dahinter stand der Glaube, durch die Musik werde die für den Biss verantwortliche Spinne unabhängig von ihrem Aufenthaltsort gleichzeitig wie ihr Opfer zum Tanz gezwungen und ihr Erschöpfungstod könne den Kranken von seinen Anfällen heilen. Bei den Tarantella handelte es sich aber nicht nur um kultische Heiltänze, sondern auch um Übergangsrituale, die mit religiösen Zeremonien anlässlich astronomischer Ereignisse oder wichtiger Momente im bäuerlichen Alltag, z.B. der Erntezeit, zusammenfielen.
Diese Musik eignet sich nicht zum passiven Zuhören. Sie hat eine heilende Wirkung und eine soziale Funktion. Die besten Musiker reisten von Dorf zu Dorf, um Patienten zu heilen. Die in diesem magischen Ritual enthaltenen Reste von Traditionen gehen bis auf die alten Griechen zurück. So wurden im antiken Griechenland die Dionysien abgehalten, Festspiele zu Ehren des Gottes Dionysos, des Gottes der Ekstase, des Rausches, der Verwandlung und des Weins. Heute sind die Tarantella-Rituale ausgestorben. Sie wurden zunächst von der Aufklärung, dann von der Kirche bekämpft. Die Tradition erlosch schließlich mit der Einkehr der Moderne im bäuerlichen Leben.
Das Ensemble Accordone spielt die wiederentdeckten Lieder auf authentischen Barockinstrumenten. Den Hauptpart nimmt die Rahmentrommel ein.
Guido Morini, musikalischer Leiter des Ensembles: ?Wir haben den Eindruck, Einblick in eine Welt zu bekommen, die wir nicht gänzlich verstehen, deren Ton- und Erinnerungsfragmente jedoch eine uns zutiefst berührende Wahrheit vermitteln. Diese Musik, die dazu angetan war, die Leiden der einfachen Bauern des Südens zu lindern, wirkt auch heute noch wie Balsam für die Seele.?
Auf dem Programm:
- Anonym / G. De Vittorio: Stornelli a voce sola (traditionelles Volkslied, Apulien)
- Anonym / G. De Vittorio : Sona a battenti (traditionelles Volkslied, Apulien)
- Anonym: Como secnza la vita (Text: Francesco Spinello ? 15. Jh.)
- Anonym / Claudio De Vittorio (1959): ?Na via di rose (traditionelles Volkslied, Basilikata)
- Mauro Durante (1984): Carataranta (Improvisation)
- Anonym: Canto per Montevergine (napolitanisches Ritual)
- Anonym / M.Beasley: Lu Passariello (traditionelles Volkslied, Apulien)
- Anonym / G. De Vittorio: Stu pettu è fattu cimbalu d'amuri (traditionelles Volkslied, Apulien) br> - Marco Beasley (1957): Tarantella Primma, Siconna e Terza (nach einem napolitanischen Text)
- Anonym / G. De Vittorio: Fronni d'alia (traditionelles Volkslied, Apulien)
- Anonym: La Carpinese (traditionelles Volkslied, Apulien)
- Anonym: Sona Carmagnola (Soldatenlied, Kalabrien)
- Anonym / G. De Vittorio: Canto dei carrettieri (traditionelles Volkslied, Kalabrien)
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